Selbsttreue im INHESA-Ansatz – Bedeutung in der Coachingpraxis

Ein Beitrag von Kara Pientka

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Das Thema Selbsttreue spielt an unserem INHESA Institut eine große Rolle. In diesem Beitrag möchte ich die Bedeutung des Begriffes in der Praxis unseres Coachingansatzes ein wenig erläutern. Selbsttreue ist nämlich für unsere Arbeit sowohl das gewünschte Ergebnis (Zielzustand für die Kunden) als auch Bestandteil des Weges (Prozess). Was kann man also unter „Selbsttreue“ im Kontext unseres Coachingansatzes verstehen?

HEUREKA - Momente der Wahrhaftigkeit, mit mir selbst und durch mich selbst

In Coachings erleben wir unterschiedliche Phasen. Ähnlich vielleicht wie beim Kochen eines frischen Essens. Es gibt eine Art Präparationsphase, in der der Klient sich selbst und mir einen Überblick über sein Thema „auf den Tisch“ legt. Wir sammeln, sortieren aber auch, in dem man Schwerpunkte herausarbeitet. Welche Zutaten möchte ich überhaupt für das Gericht? Welche habe ich da und welche lege ich nach einer Begutachtung wieder zurück in die Schale oder in den Kühlschrank? Im Coaching: Wo liegt wirklich der Veränderungswunsch? Was ist das Thema, das emotional von Bedeutung ist? Was soll heute in der Sitzung Priorität haben?

Dann – wenn die Zutaten und Zubehör definiert sind – alles ist „mis en place“, dann beginnt das Arbeiten mit den Materialien. Man schnippelt, blanchiert, wirft zusammen, rührt, lässt abkühlen, probiert, würzt nach, schwenkt um… ein komplexer Prozess, der vom Coach geführt und immer in Resonanz mit dem Klienten und seinen Zuständen weitergeführt wird. Und während des Prozesses kommt es dann – irgendwann zu besonderen Momenten: Aha Momente. Momente der Erkenntnis. Momente der Wahrhaftigkeit. In dem Moment passiert im Klienten etwas, was Archimedes von Syrakus erlebt hat, als er laut der Anekdote unbekleidet – weil er aus einem Bad in seiner Wanne kam – durch die Stadt lief und HEUREKA rief. Anlass war, dass er eine plötzliche wichtige Erkenntnis hatte, in seinem Fall das Erkennen des später als archimedischen Prinzips bekannt wurde. Archimedes soll vorher lange darüber gebrütet haben und plötzlich war es eben da. „Heureka: Ich habe es gefunden!“

Nur unsere Klienten fragen sich nicht, warum bestimmte Dinge im Wasser oben schwimmen und andere nicht. Das war Archimedes Forschungsfrage. Unsere Klienten im Coaching fragen sich die unterschiedlichsten Fragen, die aber alle auch unter ein Dach gepackt werden können, wenn wir es so forsch formulieren wollen: Wie kann es mir morgen besser gehen als heute? Das beinhaltet sowohl Visionsarbeit, Konfliktarbeit, Blockaden Arbeit – und egal ob beruflich oder persönlich… Klienten im Coaching möchten die Hebel finden, die ihr Morgen besser gestaltet wissen, als das Heute. Objektiv besser oder mindestens subjektiv. Weil bewusst. Klar. Entschieden.

Wenn im Keller plötzlich das Licht angeht – Eine Perspektive, die alles verändert

Und im Coaching suchen sie – mithilfe des Coaches – nach diesen Hebeln, die immer etwas mit tiefen Erkenntnissen und neuen Perspektiven zu tun haben, die plötzlich entstehen und vor dem Coaching irgendwo schlummerten. Manchmal schon bewusster, manchmal im Vor-Bewussten und manchmal aber eben auch versteckt in der Welt der „Noch nicht Sprache“. Aber genau dieser neue blitzartige Moment verändert dann im Klienten „alles“ oder zumindest ist der Unterschied zu beschreiben, als wäre in einem Kellerraum plötzlich das Licht angegangen. Und der Zustand ist einfach substantiell anders als vorher.
Auch wenn damit manche Arbeit erst anfängt, wenn man zum Beispiel erkennt, dass der eigene Keller eine Rumpelkammer ist, die man im Dunkeln für aufgeräumt gehalten hat. Also mit dem Heureka Moment ist das Coaching meist noch nicht zu Ende. Aber ohne den Moment geht es aber auch nicht weiter, wir würden in der Belanglosigkeit coachen, man würde viele Worte im Coaching spreche, aber keine von Bedeutung. Um den Kochvergleich zu bemühen, man könnte den Herd mit der Pfanne darauf immer wieder anstellen, das Fett etwas erwärmen, dann es aber auch immer wieder abstellen. So kann man Zeit verbringen. Ohne Schaden, aber auch ohne Aussicht auf ein leckeres Menü. Kurzum: Die Heureka Momente sind also integraler Bestandteil dessen, was wir mit Selbsttreue beschreiben – Ein Übereinkommen von einer Erkenntnis zu einem ureigenen Thema, gepaart mit einem Gefühl von Wichtigkeit: Die Sache so zu betrachten, das ist wirklich wahrhaftig! So stimmt es für mich. Heureka Momente als Selbst-Erkenntnis einer neuen Perspektive. Hier fühle ich „meine innere Wahrheit“.
In der Praxis kann das sein, dass ein Klient in dem Moment emotional erkennt, dass er wirklich seinen Beruf wechseln muss, wenn er gesund oder erfüllt bleiben will, dass der Mensch seine Einstellung zu sich selbst verändern muss, um ein anderes Lebensgefühl zu erleben, oder die Erkenntnis, dass eine bestimmte private Lebensphase zu Ende ist und nun etwas Neues ansteht. Oder…oder…oder… Mit dem Heureka Moment geht es los, aber der Weg der Selbsttreue geht noch weiter.

Wem genau bin ich eigentlich treu, wenn ich mir selbst treu bin?

2007 erschien der Buchtitel von Richard David Precht: „Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?“ und es war sicherlich auch deshalb so erfolgreich, weil sich so viele Menschen von dem Titel angezogen fühlten. Ich gehörte damals auch dazu. Der Titel verkörpert so wunderbar, wie sich fast alle Menschen fühlen können, nämlich nicht als eine unkomplizierte Einheit in sich selbst, sondern als ein vielschichtiges Gebilde, als eine komplexe widerstrebende Persönlichkeit mit vielen unterschiedlichen Regungen, Gedanken und Gefühlen. Kämen wir sonst überhaupt in innere Nöte, wenn wir immer eindeutig wären? Nein, es sind gerade diese manchmal extrem widersprüchlichen Empfindungen, die uns bei der Frage „Love it, change it oder leave it“ in innere Auseinandersetzung bringen. Da sprechen wir an einem Tag davon, einen Beruf oder eine Beziehung aufgeben zu wollen, gar zu müssen, um am nächsten Tag mit derselben Überzeugung am Ball bleiben zu wollen. Und darin sind wir nicht krank oder gestört. Wir sind ganz normale vielschichtig lebendige Wesen in einem Entwicklungs- und Wachstumsprozess. Eben keine 0-1 Programmierten. Im Coaching arbeiten wir gerne mit dem Modell des inneren Teams von Prof. Friedemann Schulz von Thun, um Menschen zu helfen, Überblick in das innere Chaos zu bringen. Oft hilft den Klienten sehr, wenn wir die einzelnen Teammitglieder in Ruhe anhören, um ihre Bedürfnisse erstmal zum Vorschein zu bringen. Es ist ähnlich wie in einem echten Team. Konflikte werden nur nachhaltig gelöst, wenn man (auf-) klärt und spricht und Kompromisse findet, mit denen alle leben wollen und können. Kommen wir nun aber zum Aspekt der Selbsttreue.

Wenn wir also annehmen, dass wir gar nicht aus einem stabilen eindimensionalen „Selbst“ bestehen, sondern aus einem „Multi-Selbst“, dann tut sich ja die Frage auf, welchem Selbst sind wir denn dann treu?

Gibt es in unserem inneren Team so etwas wie Machtverhältnisse? Dann gäbe es Wortführer, die eine perfekte „Selbst-PR“ betreiben und somit ihre Interessen perfekt durchsetzen und andere würden schweigen oder sich nur leise zu Wort melden. Wer will hier dann sagen, wer nun die Instanz ist, die Selbsttreue ermöglicht. Hier wird es kompliziert und auch klar, warum Coaching ein anspruchsvoller Prozess ist und vom Coach einiges an Kochkunst abverlangt, wenn er hier Menschen gut und produktiv begleiten will. Hier kommt unsere analytische und systemische Kompetenz zum Tragen. Dass wir als Coaches von Wechselwirkungen, Interdependenzen und vor allem auch von produktiven und destruktiven Haltungen von Menschen wissen und Modelle kennen, mit denen wir wirksam Selbstaufklärungsprozesse bei unseren Klienten anstoßen können. Man sitzt dann wie zwei Fischer Schulter an Schulter vor einer unübersichtlichen Menge an Fischfang (Gedanken, Bedürfnisse, Empfindungen) und alles glitscht und wabert vor sich hin – auch Beifang – alte Sandaletten und Handyhüllen haben sich in unser Netz gespült und nun hilft der Coach dem Klienten, sich damit zurechtzufinden, eine sinnvolle Auswahl zu treffen, was in welchem Eimer gehört. Wertvoller Fang mit echten, bedeutsamen Schätzen. Oder was in den Mülleimer des Vergessens oder Beiseite-Stellens gehört. Schön, wenn nach einem Prozess alles gut sortiert und eingeordnet ist. Denn mit dem Prozess ist ein selbst-treuer Weg möglich, ein Weg, der alle wichtigen Bedürfnisse des Menschen berücksichtigt und sie in lebenstaugliche Strategien überführt. Selbsttreue durch Aufklärung und Auswahl.

Meine Erfahrung ist, dass wenn – auch bei noch so komplexen Themen – diese Übersicht für einen Menschen hergestellt wurde und dann ein Plan steht, dass dann bereits eine wahrnehmbare Erleichterung da ist. In der Salutogenese (Ansatz Aaron Antonovsky) wurde erforscht, dass Menschen dann ein Zutrauen entwickeln, wenn sie „verstehen“, was vor sich geht und wenn sie dann daraus einen Plan (Handhabbarkeit) entwickeln. Die Krönung ist dann natürlich, wenn ich auch noch den Sinn und Zweck darin erkenne. Auch das ist natürlich ein Aspekt, der im Coaching der Selbsttreue sauber herausgearbeitet werden kann. Um im Bild des Kochens nochmal zu bemühen: in dieser Phase stehe ich vor dem Abschluss, denn ich habe alle leckeren Bestandteile des Menüs nun servierfertig und dann auf die Teller verteilt – Das Mahl kann nun losgehen. Ich weiß in meinen Leben, was zu tun ist und warum.

Coaching als Entwicklung eines idealen Selbst (Vision vom Ich) - Ein paar Gedanken zur Transformation und Change-Prozessen

Alle Coachings begleiten Menschen durch Veränderungen. Das ist unser Berufsverständnis. Coaching ohne Veränderung ist kein Coaching. Daher werden wir ja auch manchmal schlicht „Veränderungsbegleiter“ genannt. In einigen Bereichen unseres gesellschaftlichen Lebens sind wir ja in einer Phase des Paradigmenwechsels. Beispielhaft sei hier genannt die Veränderung unserer Arbeitskultur.
Früher: Arbeitgebermarkt – in baldiger Zukunft: Arbeitnehmermarkt.
Oder Präsenzkultur und Digital- und Flex Kultur. Paradigmenwechsel bedeuten, dass wirklich andere Grundregeln gelten als vorher. Nicht nur eine leichte Anpassung. Es gilt also auf einer veränderten Basis (Paradigma) neue Strategien zu entwickeln.

Ich beobachte in meinen Coachings von Führungskräften, dass sich das an vielen Ebenen in der Praxis zeigt. Sollte ich früher „Control and Demand“ führen und wurde ich auch so bewertet und erhielt Beförderungen und Boni, soll ich heute „auf Augenhöhe und mit Vertrauen“ führen. Meist ist die Struktur des Unternehmens aber auch noch teilweise in der alten Welt – das bedeutet, dass es viele Ambivalenzen und Unwuchten gibt. Hier ist Orientierung nur sehr schlecht möglich. Denn weder die Gesetze der „Alten Welt“ noch die der „Neuen Welt“ sind konsistent oder auch von Außen verlässlich. Mal davon abgesehen, dass die Führungskraft selbst ja auch erstmal innerlich diesen Paradigmenwechsel zulassen, integrieren und die damit verbundenen Kompetenzen lernen darf. In der Praxis sehe ich hier viel Stress, wenn bei der Frage „Bin ich eine gute Führungskraft“ keine klaren Leitplanken mehr gelten. Innerlich, äußerlich und in der Feedbackschleife mit der Realität (Resonanz). Mit diesen Übergangswelten scheinen wir in etlichen Bereichen noch eine Weile zu tun zu haben, und hier ist auch für mich Selbsttreue in einer erweiterten Version die Lösung, mit der ich in der Praxis gute Erfahrung mache. Ich erarbeite mit dem Klienten ein Selbstbild (zum Beispiel das Selbstbild der Führungskraft), die für den Menschen ein attraktives Zielbild beinhaltet: Wer möchte ich als Führungskraft sein? Welche persönlichen und professionellen Werte stützen mich hier? Und welche Werte kann ich auch aus meiner Biografie authentisch ableiten und haben dadurch eine persönliche Tiefe und Verankerung. Diese Arbeit dauert, wenn sie nachhaltig sein soll, aber sie dauert auch keine Ewigkeit und sie lohnt sich sehr, denn es gibt ja nichts stressigeres für Menschen als das Gefühl von „Kontrollverlust“ oder „Orientierungslosigkeit“.

Diese „Ideal-Ich“ Arbeit, (die seit vielen Jahren am Coach Lab der Case Western Reserve University in seiner Wirksamkeit bestätigend erforscht wird) gibt Motivation und Orientierung im Alltag, denn ich kann mich an meinen von mir selbst definierten Ideal-Selbst orientieren. Das macht mich unabhängig von der Beurteilung anderer. Ich bin mir also selbst treu, wenn ich meinem Maßstab meines Ich-Ideals selbst entspreche. Für mich die geeignete Methode, um Menschen in Paradigmenwechseln zu stärken und zu befähigen, offen und mutig in der Gegenwart an der Zukunft zu arbeiten. Selbsttreue als Orientierung im Paradigmenwechsel.

Kein Coaching ohne Selbsttreue

In unserem Ansatz gibt es kein Coaching ohne Selbsttreue. Es braucht Selbsttreue-Momente zur inneren Wahrhaftigkeit, es braucht die begleitete Erarbeitung von Selbsttreue in der komplexen Struktur unserer Individualität und last but not least Selbsttreue in der Erarbeitung eines Nordsterns für sich selbst – der eigenen Idealvorstellung von sich selbst. So ist der Selbsttreue-Ansatz relevant fürs Coaching – und auch sehr gut geeignet für die Orientierung im eigenen Leben – jenseits der Coachingsitzung. Denn mit Selbsttreue wachsen einem Flügel, die auch manchem Sturm standhalten. 😉

*in diesem Text nutze ich Begriffe, die in der männlichen Form geschrieben sind. Dies ist lediglich der Vereinfachung der Lesbarkeit geschuldet. Ich meine in meinem Text auch explizit immer alle Geschlechter. Und das aus voller Überzeugung.